helnwein österreich

Tageszeitung München – 12. März 1988

Tageszeitung München, 1988

JEDES BILD EIN KAMPF

von Claudia Jaeckel

Der österreichische Künstler Gottfried Helnwein geht mal wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nach: er beutelt das Publikum. In der neuen Ausstellung der Galerie der Zeichner (Prinzregentenstraße 60) geht Helnwein unter die Haut: mit Buntstift(!) -Zeichnungen genauso wie Fotoarbeiten. Wir sprachen mit dem Enfant Terrible der internationalen Kunst- und Zeitschriftenszene über Medien, Moral und Moskau.

WIENER – 3. März 1988

"Macbeth", Stadttheater Heidelber, 1988

ALARM!

von Roland Groß

Kresniks Choreographie und dazu Maß und Ausstattung von Gottfried Helnwein dem vom Alltag verletzten und daher stark bandagierten Höllen-Breughel der Trivialkultur - parallele Phantasien haben sich hier gefunden. Helnwein: "Das Ganze ist sehr hart und direkt. Selbst derjenige, den die Macbeth-Geschichte nichts angeht, soll den Mund aufsperren. Auch ein Vertreter der Video-Clip-Kultur. Es muss genügend Orientierungspunkte für den Betrachter geben, der mir überaus wichtig ist." Durch Kurt Schwertsiks live dargebotene Klaviermusik für vier Hände - der Flügel ist die einzige Insel im Gedärm des Orchestergrabens - komplettiert sich der Austria-Dreier: ein energetischer Bewußtseinschub für Kopf, Ohren und Augen.
Klinisch weiß, mit Kunststoffbahnen ausgeschlagen, gleißt das Bühnenfeld zwischen Bluttümpel und Todestor, hinter dem sich die jeweiligen Morde des Macbeth geräuschlos und ohne Publikumszeugen abspielen: Nur die Plastikschläuche an den Bühnenseiten färben sich rot, die Blutpumpen erfüllen ihre Funktion als Konkurrenten-Entsafter im Dienste der Karriere. Der Pegel der Orchesterwanne steigt.
Helnweins Makrorealismus, seine harte und direkte Signalkunst, gipfelt in der Ermordung der Macduff-Familie. Wir schauen in eine monströse Idylle, eine riesenhaft aufgeblähte Traummärchen-Welt der deutschen Wohnküche.
Meterhoch sind Tisch und Stuhl, Tasse und Teekanne von gewaltigem Ausmaß. Helnwein zeigt sich als wacher Beobachter und Transformator gesellschaftlicher Bedingungen, ohne dabei den schrill visuellen Kick, als Verständigungs-Vehikel, außer Acht zu lassen.

Welt am Sonntag – 21. Februar 1988

"Lulu", Hamburger Schauspielhaus, 1988

BÜRGERINITIATIVEN VEKLAGEN PETER ZADEK

Die " Vereinigung Deutschsprachiger Bürgerinitiativen zum Schutz der Menschenwürde in Deutschland, Frankreich, Holland, Italien, Luxemburg, Österreich und Schweiz " hat bei der Staatsanwaltschaft Hamburg Strafanzeige gegen den Intendanten des Deutschen Schauspielhauses Peter Zadek und gegen den österreichischen Künstler Gottfried Helnwein erstattet.
Anlass ist das Plakat, mit dem für die jüngste Schauspielhausinszinierung " Lulu" geworben wird. Das Plakat zeigt einen gnomenhaften Mann vor dem überdimensional grossen entblössten Unterleib der Hauptdarstellerin. Zadek hatte dieses Plakat bei Helnwein entwerfen lassen.
Die Vereinigung der Bürgerinitiativen hält das Plakat für Pornographie. Das Strafgesetzbuch sieht für Herstellung und Verbreitung pornografischer Schriften Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr vor.

Die Zeit – 19. Februar 1988

"Macbeth", Stadttheater Heidelberg, 1988

DIE KIELER AFFÄRE - IN MÖRDERISCHEN TÄNZEN

von Rolf Michaelis

Choreographisches Theater in Heidelberg. "Macbeth" von Johann Kresnik und Gottfried Helnwein
Doch gelingt es Kresnik und Helnwein uns mit einer grausigen Mord-Ballade zu fesseln, die mit höhnischem Gelächter vor unseren Augen vorbeirast - wobei der schon dem Tod geweihte neue Herrscher statt der Krone eine zwar goldene, aber noch Narren-Kappe wie eine Tiara trägt.
Sieger, so die Botschaft, gibt es im tödlich närrischen Kampf um die Macht nicht.
Sieger in Heidelberg sind, in einer glanzvoll wüsten Inszenierung: Gottfried Helnwein, Johann Kresnik und das mitreißend auftrumpfende Ensemble von siebzehn Tänzerinnen und Tänzern.

Stuttgarter Zeitung – 19. Februar 1988

"Lulu", Hamburger Schauspielhaus, 1988

UNTER ALICES SCHUTZMANTEL

von Dagmar Deckstein

Diskussion mit der " Emma "- Chefin im Stuttgarter Theaterhaus Wangen
So musste Alice Schwarzer zunächst das Helnwein - Plakat für Peter Zadeks Stück "Lulu" in Hamburg vor pornographischer Denunziation einer Stuttgarter Mitstreiterin in Schutz nehmen. "Nein, das ist keine Pornographie, auch nicht sexistisch, Hier ist doch eine starke, kräftige Lulu daegestellt, der die Nuttenstrapse etwas verlegen auf den stämmigen Oberschenkeln hängen.
Der alte Mann, der ihr auf die Scham guckt, ertrinkt fast in seinem übergrossen Mantel. Nein das ist keine verführerische Pose, sondern der Künstler entlarvt hier ganz klar die Phantasie des Mannes."

Tages Anzeiger,Zürich – 18. Februar 1988

"Lulu", Hamburger Schauspielhaus, 1988

NEBEN DER REEPERBAHN ERREGT EINE NACKTE FRAU DEN VOLKSZORN

von Bernhard Schneidewind

Mainz sang und lachte, ganz Köln grölte "Alaaf", und Hamburg stöhnte unter "Lulu". Mann und Frau waren außer sich. So wie man im Norden der Bundesrepublik eben außer sich sein kann. Hanseatisch enragiert also.
Frauenverachtend?
Die veröffentlichte Meinung zitiert die öffentliche Meinung gleich spaltenlang zu diesem "Pussy-Poster" ("Morgenpost"). Zu Wort kam des Volkes Stimme - "zu erotisch", "finde ich pervers", "unästhetisch", "zu anstößig" - ebenso wie die Stellungnahmen der Bürger, die in der Stadt einen Namen haben. Ernst Schönfelder, Direktor der Philharmonischen Staatsorchesters gab sich kulinarisch: " Auf was für Ideen die Leute kommen, wenn sie keine haben. So ein Plakat kann einem den Appetit verderben". Die Leiterin der Hamburger Leitstelle zur Gleichberechtigung der Frau, Eva Rühmkorf, gab sich als Amtsperson:" Meiner Meinung nach ist die Grenze der Künste überschritten. Das Plakat ist eindeutig frauendiskriminierend". Und schließlich, ganz im Trend, die Leiterin des Kunsthauses, Petra von der Osten-Sakken: "Dazu fällt mir nur Alice Schwarzer ein."

Communal – 18. Februar 1988

"Lulu", Hamburger Schauspielhaus, 1988

WAS ZU BEWISEN WAR

von Willhelm Pauli

Helnwein schockt Rühmkorf.
Helnwein, der Schöpfer der Ausstattung von Kresniks Macbeth (eine Ausstellung von ihm ist gegenwärtig in der Guinness-Galerie in der Friedrich-Ebert-Anlage zu sehen) hat auch das Plakat fuer Zadeks "Lulu" am Hamburger Schauspielhaus gefertigt.
Darüber hat sich Frau Eva Rühmkorf, Vorsitzende der "Leitstelle Gleichstellung der Frau" beim Hamburger Senat und bundesweit bekannt, empört.
Mit den klassischen Anwürfen "Eindeutig Frauendiskriminierend" und "Die Grenze der Kunst überschritten" fordert sie die Kassierung des Plakates.

KURIER – 17. Februar 1988

"Lulu", Hamburger Schauspielhaus, 1988

IHRE MEINUNG

von Eva Deissen

Schwieriges Schweinisches
Wie ich unserer Kulturberichterstattung entnehme, streitet man in Hamburg über die Frage, ob Gottfried Helnweins "Lulu"-Plakat nun eigentlich frauenfeindlich oder männerfeindlich sei.

Neue Kronen-Zeitung – 16. Februar 1988

"Lulu" von Frank Wedekind, Hamburg, 1988

DER KLEINE UND DIE RIESIN

von Erwin Melchart

In Hamburg hatte Samstag Peter Zadeks mit Spannung erwartete Inszenierung von Frank Wedekinds "Lulu" Premiere: Vom Publikum stürmisch umjubelt, von der Kritik zwiespältig aufgenommen, sorgte das Stück in der ganzen Bundesrepublik schon vor seiner Aufführung für einen Skandal. Die Ursache: ein Österreicher. Der bekannte Wiener "Schockmaler" Gottfried Helnwein (jetzt wohnt er in einem Schloß in der Eiffel) malte das Plakat für "Lulu":

DER SPIEGEL – 15. Februar 1988

"Lulu", Hamburger Schauspielhaus, 1988

PLAKATE - KRÄNKENDES ÜBERWEIB

Das Plakat zur Hamburger "Lulu" - Inszenierung wird als "eindeutig frauendiskriminierend" angegriffen.
Auf Augenhöhe und auf kurze Distanz hat das Männchen vor sich, was ihm Verlockung wie Gefahr bedeutet: das weibliche Geschlecht. Die gezielt entblößte Frau überragt den kleinen Kerl derart riesenhaft, dass ihr Oberkörper und ihr Kopf jedem Blick entzogen sind.
So läßt sich der Mythos vom männerverzehrenden Überweib Lulu, wie ihn Frank Wedekind auf die Bühne gestellt hat, auf eine simple Bildformel bringen. So hat es der Maler und Graphiker Gottfried Helnwein mit einem Plakat zu Peter Zadeks langerwarteter "Lulu" - Inszenierung (Premiere: letzten Samstag) am Hamburger Schauspielhaus getan.
Leicht explosive Stimmung herrschte letzte Woche auch in Heidelberg, wo Helnwein erstmals voll in den Theaterbetrieb eingestiegen ist und die Ausstattung zu einem "Macbeth" Abend des Choreographen Johann Kresnik geliefert hat.
Shakespeares machtgierig-skrupelloser Held erscheint als ein vorweggenommener Barschel und wird zum Schluss, gemäß einem Helnwein-Einfall, in die Badewanne gelegt. Auf dem Plakat erscheint das ominöse Photo, das Helnwein unter bewußter Verletzung des "Stern"-Urheberrechts adaptiert hat.
Am Premieren-Mittwoch schreckte eine - wie sich zeigte, leere - Bombendrohung das Theater auf. Am Abend wurde die Produktion nur bejubelt.