helnwein österreich

Fachzeitschrift Visions, Ausgabe 59 – 22. Juni 1997

Rammstein, 1997

RAMMSTEIN: EIN BISSCHEN STUMPF MUSS SEIN

von Ingo Neumayer

Daß der Proll-Anteil im Publikum, der so oder ähnlich genauso bei den Ärzten, Hosen oder gar Böhsen Onkelz zu finden ist, in letzter Zeit zugenommen hat, hat Flake ja bereits erwähnt. Das ist doch irgendwie seltsam: auf der einen Seite der "künstlerische" Aspekt Rammsteins, der sich in der Zusammenarbeit mit David Lynch, Gottfried Helnwein und einer geplanten Anti-Bücherverbrennungs-Performance zeigt, und andererseits solche Fans. Wie paßt denn das zusammen?

Daß Rammstein eines Tages salonfähig werden würden, hätte nun wirklich niemand gedacht. Am wenigsten die Band selbst. Doch mittlerweile finden sie sich auf der Bravo-CD zwischen DJ Bobo und Nana wieder, "Herzeleid" und die "Engel"-Maxi werden demnächst vergoldet, die spießig-muffige Sportschau verwendet Rammstein-Riffs zur musikalischen Untermalung ihrer Leichtathletik-Berichterstattung, und selbst mein Rechtschreibkorrekturprogramm hat nichts gegen sie einzuwenden. Soweit zu den Fakten. Mit den Ursachen tut man sich schon schwieriger: Wütet hier eine volkseigene Massenpsychose, ein clever konzipiertes Marketingprodukt? Oder ist Rammstein einfach nur die Band, auf die alle, vom Raver zum Mosher, vom Grufti bis zum Proll gewartet, es aber nie zu sagen gewagt haben?
Inzwischen steht die Veröffentlichung von "Sehnsucht", dem "Herzeleid"-Nachfolger ins Haus, und man braucht wahrlich keine Kristallkugel zu bemühen, um für den Herbst hohe Chartpositionen und ausverkaufte Hallen vorherzusagen. Denn musikalisch wie textlich paßt hier alles zusammen: Rammstein haben sich nicht so sehr verändert, daß die Gefahr bestünde, alte Fans zu vergraulen. Im Gegenteil. Die fette Produktion und der erhöhte Elektronik-Anteil werden bei gleichzeitigem Abbau der Stumpf-Metal-Anteile bestimmt dafür sorgen, daß sich noch der eine oder die andere mehr in den Kreis der Rammstein-Jünger einreiht.
Doch wieso hat das alles nun so lange gedauert? Immerhin standen die Songs schon Ende Januar, und zwar mehr als nur im Rohbau. Paul, der Gitarrist, erklärt: "Es gab für uns keinen Grund, Hektik zu machen. Es ist ja so: entweder man veröffentlicht im Frühling oder im Herbst." Echt? Das wußte ich ja noch gar nicht. "Naja, zumindest hat das die Plattenfirma gesagt. Im Frühling hätte es zwar auch geklappt, aber nur mit ganz viel Streß, und das wollten wir nicht. Vor einer Woche erst haben wir den Song 'Du hasst' noch einmal geändert. Außerdem wollten wir nicht zum David Lynch-Film (der zwei Rammstein-Songs beinhaltet- Anm. d. Verf.) eine neue Platte veröffentlichen. Das hätte zu viele Leute verwirrt, die dann eine Platte in den Händen haben, auf denen die zwei Songs aus dem Film gar nicht drauf sind." Ihr wolltet also lieber noch mal "Herzeleid" und die "Engel"-Maxi pushen? "Ja klar. Die Plattenfirma und alle Leute haben gesagt: Hey, 'Herzeleid' läuft gut, macht euch bitte keinen Streß. Und das mit der Single, naja, wenn das Album und die Single gleichzeitig herausgekommen wären, hätte doch niemand mehr die Single gekauft. Davon abgesehen war zu dem Zeitpunkt, als die Single erschien, noch nicht alles fertig. Und dann gibt es noch zwei Gründe für die Verzögerung, aber die sage ich nicht." Warum? "Nun ja, Geheimnisse müssen sein. Damit das ganze interessant bleibt."

Vollstaendiger Artikel: Fachzeitschrift Visions, Ausgabe 59
www.rammsteinfan.de/presse/stumpf.htm

Rammstein fotografiert von Helnwein
www.helnwein.com/werke/photo/tafel_7.html

22.Jul.1997 Fachzeitschrift Visions, Ausgabe 59 Ingo Neumayer